Karma oder karma nicht?


Vor ein paar Tagen hörte ich einer Freundin zu. “Meine Schwester wurde als Kind missbraucht. Meine Eltern denken bis heute, sie hätte sich das so erschaffen.”

Hoffentlich war die Ausseinandersetzung der Eltern mit dem Missbrauch etwas tiefer als diese vereinfachte Darstellung, aber wie sie es mir erklärte, glauben ihre Eltern bis in ihr tiefstes Innere, dass jeder sein Schicksal erschafft und es keine Opfer gäbe. Und damit wohl keine Täter. Laut ihnen war es vielleicht eine Frage von, was wollte die Seele des Mädchens daraus lernen? Hatte sie in einem vorherigen Leben jemanden vergewaltigt? Gilt es ein Muster zu lösen?

Das Mädchen ist jetzt keine junges Mädchen mehr. Sie denkt an Selbstmord. Aus Selbsthass. Auf ihren Körper, sich selbst. Denn hier liegt die wahre Gewalt, welche so ein Denken mit sich bringt. Die Person die leidet, darf die Wut, den Hass, die Angst nicht an den Täter wenden, der es absolut als Einziger verdient hätte. Nein. So wendet sich diese Flut an Gefühlen, weil man so tief verletzt wurde, weil einem mit einem Schlag die Kindheit geraubt wurde, weil man für’s Leben damit umzugehen lernen muss, weil man sich nicht mehr sicher fühlt, an sich selbst. Die Person, die laut diesem Dogma ja sich das “so erschaffen hat.”

Mein Vater war auch so drauf. Um es mal auf den Punkt zu bringen, fragte ich ihn vor ein paar Jahren. “Wenn ich jetzt also die Straße hochlaufe und werde vergewaltigt, habe ich mir das dann selbst kreiiert?” “Ja,” sagte er.

In einem langen Brief an ihm, erklärte ich, was seine Worte für mich bedeuteten. Zum Glück kann ich sagen, er hat seitdem seine Sichtweise geändert. “Ihr würdet euch als Kinder nie so was erschaffen haben.” Ernsthaft? Danke.

Wir haben alle eine Recht auf unsere eigenen Gefühle, unseren Körper, und damit unsere Wirklichkeit. Wenn jemand sagt “es war doch nicht so schlimm” bedeutet es, mir mein Recht zu nehmen über das Erlebte traurig oder wütend zu sein. Ähnlich bedeutet, “schließ doch endlich mit der Vergangenheit ab und sei glücklich” in etwa so viel wie, du bist Schuld, dass es dir heute noch nicht besser geht. Du hängst an der Vergangenheit. (Als ob! Jeder der schlimmes Trauma erlebt hat weiß, dass man nichts lieber hätte, als endlich keine Alpträume mehr zu haben, nicht mehr an die Zeit erinnert zu werden, endlich frei davon sein Leben leben zu können). Ach, aber es ist halt nicht ganz so einfach.

Kommt dazu noch “aber du hast es doch auch so gewollt/ so erschaffen / so verdient” könnte man eigentlich der Person gleich das Messer an die Pulsader halten. Und zudrücken.

Denn wie soll man denn bitte mit der Gewalt umgehen? Lustigerweise sind es manchmal die gleichen Leute, die, sobald ihnen Unrecht getan wird (der Arsch hat mir gerade meinen Parkplatz geklaut! Immer wenn ich in den Urlaub gehe ist schlechtes Wetter), gleich auf’s Schicksal sauer sind. Der Guru in meiner Gruppe fühlte sich von der bösen Welt nicht verstanden und von den bösen Medien verfolgt. Aha!

Was ich sagen möchte ist dieses. Wenn du wirklich nicht mehr kannst, wenn du vielleicht selbst an dem Punkt bist, wo der Selbsthass dich auffrisst, die Schuldgefühle nicht mehr nachlassen, du dich plötzlich für dein gesamtes Umfeld verantwortlich fühlst, deine eigenen Gefühle nicht mehr erträgst, denk’ daran:

Statt ich kann nicht. “Ich karma nicht.”

Dass kann mir so was von gestohlen bleiben, diese bekloppte Idee, das ich selbst an meinem Leid Schuld bin. War ich nicht. Bin ich nicht. Wo gehört der Hass hin? Wer ist wirklich dafür verantwortlich? Und dann richte ihn weg von dir selbst. Klar, meistens kann man nichts mehr machen. Der Missbrauch ist verjährt, der Täter weit weg, ist auch egal. Ich rede hier nicht davon, mit Gewalt zu reagieren. Das ist auch keine Antwort. Aber man kann wütend sein, richtig richtig wütend sein. Wut gibt Kraft. Wut zeigt, dass ein Unrecht geschehen ist. Wut steht beim Opfer und sagt, das war nicht okay!

#Karma #Missbrauch #destruktiveGruppen #Kinder #Esotherik

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